Liebe & Heirat: Erstaunliche Begebenheiten und merkwürdige Sitten aus aller Welt
Sitten und Bräuche rund ums Heiraten
Wollen zwei Frauen der Choroti- und Charco-Stämme in Paraguay denselben Mann haben, so ziehen sie Boxhandschue aus Tapirleder über
und tragen die Sache durch einen Kampf aus. Mädchen der Papua auf den Trobriandinseln vor der Ostküste Neuguineas beginnen ihre
Liebesspiele auf eine andere Art: Sie gehen zu dem Mann ihrer Wahl und beißen ihn. In Holland, Schweiz, Neuengland, Schottland und
Wales gab es früher die Werbesitte des Bündelns. Es erlaubte den Liebenden gemeinsam im Bett zu liegen, vorausgesetzt, sie waren
angezogen und jeder war für sich in eine Bettdecke gehüllt.
In Schweden gab es einen ähnlichen Brauch: den Kiltgang oder die Nachtfreierei. Die Burschen eines Dorfes besuchten der Reihe nach alle
Mädchen dieses Dorfes. Gemeinsam drangen sie in die Kammer eines Mädchens ein, das bereits im Bett lag und wurden mit Schnaps bewirtet.
Die Burschen machten dann untereinander aus, wer von ihnen die Nacht mit dem Mädchen verbringen durfte. Doch wer jetzt etwas Schlechtes
denkt, irrt sich. Bei dieser Bettgeselligkeit war das Paar zwar nur halb bekleidet, jedoch galt jede intimere Berührung des Mädchens
als große Schande und hatte zur Folge, dass der Bursche aus der Gemeinschaft ausgestoßen wurde.
Im Rheinland wurde der Brauch des Maiehens geübt. In der Nacht zum 1. Mai, der Walpurgisnacht, machten die Burschen im Dorf ein Feuer.
Einer stellte sich auf einen Stein und rief: Hier steh ich auf der Höhen und rufe aus mein Lehen, das Lehn, das Lehn, das erste Lehn,
dass es die Herren recht verstehn! Wem soll es sein? Dann bestimmten die übrigen einen Jungen und ein Mädchen zum Paar. Widerspruch
gegen die Festsetzung war nicht möglich. Wollte früher ein Junge ein Mädchen aus einem anderen Dorf heiraten, so musste er
es loskaufen, indem er die ganze Jugend dieses Dorfes bewirtete.
Viele dieser Bräuche führten dazu, dass die Bräute oft schon vor der Zeit schwanger wurden. In Schottland stellte 1868 eine
königliche Kommission fest, dass neun von zehn Frauen an ihrem Hochzeitstag guter Hoffnung waren - ein Zustand, der wohl kaum vikorianischen
Vorstellungen von Anstand entsprach.
In anderen Gesellschaften hingegen bedeutete die Verlobung manchmal eine völlige Trennung des künftigen Paares. Ein Mädchen
der Salomonen im Südpazifik, das mit einem Häutpling oder einem anderen Würdenträger verlobt war, wurde unter dem aufmerksamen
Auge ihres Vaters bis zu ihrem Hochzeitstag in einem Käfig gefangengehalten, manchmal jahrelang!
Viele der heute üblichen Hochzeitsbräuche, die wir als selbstverständlich hinnehmen, stammen aus einer jahrhundertealten Tradition.
Den Hochzeitsschleier zum Beispiel führten die alten Griechen und Römer ein, um die Braut vor den bösen Blicken eines eifersüchtigen
Mitbewerbers zu schützen. Aus dem recht turbulenten Fest beim Herauskaufen des Mädchens aus dem Nachbardorf hat sich der Volksbrauch
des Polterabends entwickelt. Der in der westlichen Welt verbreitete Brauch, Stücke des Hochzeitskuchens an die Gäste zu verteilen,
hat seinen Ursprung in der römischen Sitte, über dem Kopf der Braut Brot zu brechen, um ihr Wohlstand zu sichern. Jeder Gast nahm
ein Stück des gebrochenen Brotes mit.