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Von der Party in den Tod
Neuburg, 23.05.2012 - 11:50 Uhr
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Von der Party in den Tod

Ein entsetzlicher Unfall in der Nachbarschaft bewegte ihn so sehr, dass er den Arbeitskreis „Disco-Fieber“ gründete. Dr. Anton Euba aus Schrobenhausen will nicht glauben, dass es fast aussichtslos ist, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein anderes Bewusstsein in Bezug auf Straßenverkehr in Verbindung mit Alkohol, Drogen und Frust zu geben.

In der Regel wissen sie sehr wohl, dass überhöhte Geschwindigkeit, Übermüdung, Alkohol, Drogen, Fehleinschätzung von Situationen und den eigenen Fähigkeiten, Ablenkbarkeit usw. die Fahrtauglichkeit beeinträchtigen. Dennoch sterben jedes Jahr in der Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen mehr Menschen durch Verkehrsunfälle als durch Krebs, auch im Landkreis ND-SOB.

„Disco-Fahrten“ mit tragischem Ende
Eine Reihe dieser Verkehrsunfälle entsteht bei sog. „Disco-Fahrten“. Dies sind Fahrten in der Zeit zwischen 20 und 6 Uhr, bei denen Personen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren zu, zwischen oder von Vergnügungen heimwärts unterwegs sind. Dazu gehört also nicht nur die Fahrt des 18-jährigen Führerschein-Neulings zu einer Disco und zurück, sondern ebenso die des 29-Jährigen, der nach einer privaten Geburtstagsparty oder Vereinsfeier mit zu viel Alkohol im Blut mit dem Auto nach Hause fährt.

Betroffen machen
Unfälle sind heute für viele Menschen nichts Spektakuläres, Aufrüttelndes mehr. Sie gehören einfach dazu. Man liest in der Zeitung darüber hinweg, lässt sich vielleicht von dramatischen Fotos für einen Augenblick aus seiner Alltagslethargie reißen. Mehr aber nicht. Bloße Informationen über Unfallursachen reichen offenbar nicht aus, um verkehrsriskantes Verhalten zu vermeiden. Mit seinem jugendorientierten Präventionsprojekt setzt Initiator Dr. Euba in erster Linie darauf, die betroffene Risikogruppe emotional, und damit ihre Einsicht und eine Verhaltensänderung zu ereichen.

Großes Interesse für Initiative
Mittlerweile hat Dr. Euba es geschafft, Politiker des Landkreises Neuburg Schrobenhausen und der Stadt Schrobenhausen für den Arbeitskreis zu interessieren. Begeistert arbeiten auch die Vertreter der Schrobenhausener Schulen, die Rettungsstelle des Roten Kreuzes, Polizei, Feuerwehr, Vertreter der Kirchen, insbesondere die Unfall-Seelsorge und die Vertreter einiger Vereine mit. Sie alle wollen eines nicht erleben: einen liebenswerten jungen Menschen, der morgen aus dem Leben gerissen wird, nicht mehr da, nicht mehr unter uns ist. So haben sie auch den Leitsatz für Disco-Fieber entwickelt: WIR BRAUCHEN DICH AUCH MORGEN !

Aktionen an Schulen
Mit viel Fingerspitzengefühl und großem Einsatz der Mitglieder des Arbeitskreises werden Aktionen an Schulen organisiert, bei denen Filme und Vorführungen des Roten Kreuzes und der Feuerwehr gezeigt werden. Betroffenheit zeigen die Schüler, wenn die Unfall-Seelsorge, die die Aufgabe hat, Eltern und Angehörigen die Todesnachricht zu überbringen, über ihre Arbeit berichtet. Wenn der Rollstuhlfahrer Andi Höhne, der auch zum Arbeitskreis gehört, über seinen Unfall erzählt, ist die Ergriffenheit der Zuhörer regelrecht zu spüren.

Eindrucksvolle Tatsachenschilderungen
Ein weiteres Ziel des Arbeitskreises ist es die Aktion zu verbreiten. So sollen Jugendgruppen, Schulen und alle, die ein Interesse an dem Leben junger Menschen haben, für die Aktion begeistert werden. Hierfür wurde ein Büchlein geschaffen, dass es anderen Arbeitskreisen erleichtern soll, in das Thema einzusteigen. In dem Handbuch „Disco-Fieber“ (Schriftenreihe der Landeszentrale für Gesundheit in Bayern, ISBN 3-933725-09-7) zu einer etwas anderen Aktion sind eindrucksvolle Beiträge von Betroffenen und Unfallhelfern zu finden. Aber Achtung! Es könnte sein, dass die eine oder andere Erzählung das Wasser in die Augen treibt.
Mehr Infos unter: http://www.disco-fieber.de


Abschied
Wie Eltern vom Tod ihres Kindes erfahren
von Walter Last, Notfall-Seelsorger im Lkr. ND-SOB

Samstagmorgen, 4 Uhr. Das Handy läutet. Die Rettungsleitstelle gibt nüchtern durch: Ortsangabe, Verkehrsunfall, ein Toter, 19 Jahre alt. Schnell anziehen, dann Fahrt zum Unfallort. Der Einsatzleiter informiert uns kurz und weist auf eine Abdeckplane am Straßenrand. Sie waren zwischen zwei Discos unterwegs, die vier. Soviel erfahren wir. Der Entgegenkommende fuhr ahnungslos auf seiner Fahrbahnseite die leichte Rechtskurve hoch. Keine Chance, auszuweichen. Inzwischen sind wir bei der Plane angekommen. Ich bücke mich, schlage das Tuch um. Ein Bild, das mich noch einige Nächte begleiten wird: ein schönes, blutverschmiertes, totes Gesicht. 19 Jahre alt, es könnte auch unser eigener sein. Stille. Wir spüren die Augen der umherstehenden Rettungskräfte, Polizisten, Feuerwehr. Man schaut betroffen und erwartet ein Wort, ein Zeichen, eine Handlung. Wie viele mögen sie schon so gesehen haben? Und doch ist jeder Anblick eines Unfallopfers für sie jedes Mal wieder die Konfrontation mit einem Einzelschicksal, das ohnmächtig und betroffen macht. Uns auch. Da gibt es keine Routine, keinen fertigen Text, kein leeres Gerede. Wir hocken neben dem Gesicht des Jungen. Ich bete still und ohne Worte. Dann doch ein fertiger Text, das Vaterunser. Leise, aber es hilft Umstehenden, mitzusprechen. Ein Segenswort, ein Kreuzzeichen, ein letzter Blick, und ich decke das Gesicht wieder zu.

Wir warten am Straßenrand. Totenwache. Nach und nach erfahren wir mehr. Ist alles nicht so wichtig, nur, dass hier jemand tot liegt mit 19, dass andere verletzt sind - wer weiß, wie schwer - das ist wichtig. Endlich kommt der Einsatzleiter der Polizei. Die zweite schwere Aufgabe liegt vor uns: an einer fremden Haustüre zu läuten und dort die schlimmste aller Nachrichten zu überbringen. Wir erfahren die Anschrift der Eltern, fahren hinter dem Polizeiwagen her. Es ist fünf, es dämmert schon. Kurze Absprache. Der Polizeibeamte drückt den Klingelknopf. Nichts. Noch einmal. Dann: Licht, eine Tür. „Wer ist da?“ „Die Polizei.“ Ein Blick trifft den Polizisten und uns. Entsetzen. Ein Vorname, ein Fragezeichen. Wir nicken. Eigentlich ist damit alles gesagt und muss doch in ausgesprochene Worte gefasst werden: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Sohn bei einem Verkehrsunfall vor zwei Stunden ums Leben kam.“

Alle Gedanken über ein langsames, sanftes Hinführen auf die bittere Wahrheit sind graue Theorie. Die Seele erkennt viel schneller...... Schock und erste Fassung zugleich. Weinen ist noch nicht möglich. Immer wieder Kopfschütteln und „Nein“. Der Polizist schildert den Unfallhergang. Einmal, Zwischenfragen, zweimal und manches wird immer wieder nachgefragt. Ich habe großen Respekt vor der warmherzigen Sensibilität des Polizisten. Wir sind noch nicht dran. „Wo ist er jetzt?“ „Der Bestatter hat ihn zum Friedhof gebracht.“ „Können wir ihn noch mal sehen?“ ....... „Ja, selbstverständlich“, antworte ich. Da löst sich endlich die Starrheit. Die Mutter beginnt zu weinen. Und ich spüre, wie gut es ist, zu zweit zu sein. Meine Frau nimmt die Mutter sachte in den Arm und lässt sie an sich gelehnt einfach weiter weinen. Der Vater will zur Unfallstelle fahren. „Nein, bitte bleib da!“ So wird nochmals alles in Einzelheiten berichtet und beantwortet....... Für die Eltern muss langsam ein Bild aufgebaut werden. Der Polizeibeamte verabschiedet sich. Wir bleiben. „Warum, Herr Pfarrer, warum??“ ................ Ich weiß es nicht....... (Textauszüge aus dem Handbuch „Disco-Fieber“)


Anmerkung: Wir, vom brennessel-Team, beim Lesen der Tatsachenberichte im Handbuch selbst ergriffen, finden die Aktionen des Arbeitskreises „Disco-Fieber“ äußerst wichtig, um Jugendliche und junge Erwachsenen aufzurütteln. Schon ein einzig dadurch gerettetes Leben, wäre ein großer Erfolg. Wir stellten deshalb kostenlos unsere Seite für diese Publikation zur Verfügung.


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