Von der Party in den Tod
Ein entsetzlicher Unfall in der Nachbarschaft
bewegte ihn so sehr, dass er den Arbeitskreis „Disco-Fieber“ gründete. Dr. Anton
Euba aus Schrobenhausen will nicht glauben, dass es fast aussichtslos ist, Jugendlichen
und jungen Erwachsenen ein anderes Bewusstsein in Bezug auf Straßenverkehr in
Verbindung mit Alkohol, Drogen und Frust zu geben.
In der Regel wissen sie sehr
wohl, dass überhöhte Geschwindigkeit, Übermüdung, Alkohol, Drogen, Fehleinschätzung
von Situationen und den eigenen Fähigkeiten, Ablenkbarkeit usw. die Fahrtauglichkeit
beeinträchtigen. Dennoch sterben jedes Jahr in der Altersgruppe der 15- bis
25-Jährigen mehr Menschen durch Verkehrsunfälle als durch Krebs, auch im Landkreis
ND-SOB.
„Disco-Fahrten“ mit tragischem Ende
Eine Reihe dieser Verkehrsunfälle entsteht bei sog. „Disco-Fahrten“. Dies sind
Fahrten in der Zeit zwischen 20 und 6 Uhr, bei denen Personen im Alter zwischen
18 und 30 Jahren zu, zwischen oder von Vergnügungen heimwärts unterwegs sind.
Dazu gehört also nicht nur die Fahrt des 18-jährigen Führerschein-Neulings zu
einer Disco und zurück, sondern ebenso die des 29-Jährigen, der nach einer privaten
Geburtstagsparty oder Vereinsfeier mit zu viel Alkohol im Blut mit dem Auto
nach Hause fährt.
Betroffen machen
Unfälle sind heute für viele Menschen nichts Spektakuläres, Aufrüttelndes mehr.
Sie gehören einfach dazu. Man liest in der Zeitung darüber hinweg, lässt sich
vielleicht von dramatischen Fotos für einen Augenblick aus seiner Alltagslethargie
reißen. Mehr aber nicht. Bloße Informationen über Unfallursachen reichen offenbar
nicht aus, um verkehrsriskantes Verhalten zu vermeiden. Mit seinem jugendorientierten
Präventionsprojekt setzt Initiator Dr. Euba in erster Linie darauf, die betroffene
Risikogruppe emotional, und damit ihre Einsicht und eine Verhaltensänderung
zu ereichen.
Großes Interesse für Initiative
Mittlerweile hat Dr. Euba es geschafft, Politiker des Landkreises Neuburg Schrobenhausen
und der Stadt Schrobenhausen für den Arbeitskreis zu interessieren. Begeistert
arbeiten auch die Vertreter der Schrobenhausener Schulen, die Rettungsstelle
des Roten Kreuzes, Polizei, Feuerwehr, Vertreter der Kirchen, insbesondere die
Unfall-Seelsorge und die Vertreter einiger Vereine mit. Sie alle wollen eines
nicht erleben: einen liebenswerten jungen Menschen, der morgen aus dem Leben
gerissen wird, nicht mehr da, nicht mehr unter uns ist. So haben sie auch den
Leitsatz für Disco-Fieber entwickelt: WIR BRAUCHEN DICH AUCH MORGEN !
Aktionen an Schulen
Mit viel Fingerspitzengefühl und großem Einsatz der Mitglieder des Arbeitskreises
werden Aktionen an Schulen organisiert, bei denen Filme und Vorführungen des
Roten Kreuzes und der Feuerwehr gezeigt werden. Betroffenheit zeigen die Schüler,
wenn die Unfall-Seelsorge, die die Aufgabe hat, Eltern und Angehörigen die Todesnachricht
zu überbringen, über ihre Arbeit berichtet. Wenn der Rollstuhlfahrer Andi Höhne,
der auch zum Arbeitskreis gehört, über seinen Unfall erzählt, ist die Ergriffenheit
der Zuhörer regelrecht zu spüren.
Eindrucksvolle Tatsachenschilderungen
Ein weiteres Ziel des Arbeitskreises ist es die Aktion zu verbreiten. So sollen
Jugendgruppen, Schulen und alle, die ein Interesse an dem Leben junger Menschen
haben, für die Aktion begeistert werden. Hierfür wurde ein Büchlein geschaffen,
dass es anderen Arbeitskreisen erleichtern soll, in das Thema einzusteigen.
In dem Handbuch „Disco-Fieber“ (Schriftenreihe der Landeszentrale für Gesundheit
in Bayern, ISBN 3-933725-09-7) zu einer etwas anderen Aktion sind eindrucksvolle
Beiträge von Betroffenen und Unfallhelfern zu finden. Aber Achtung! Es könnte
sein, dass die eine oder andere Erzählung das Wasser in die Augen treibt.
Mehr Infos unter: http://www.disco-fieber.de
Abschied
Wie Eltern vom Tod ihres Kindes erfahren
von Walter Last, Notfall-Seelsorger im Lkr. ND-SOB
Samstagmorgen, 4 Uhr. Das Handy läutet. Die Rettungsleitstelle gibt nüchtern
durch: Ortsangabe, Verkehrsunfall, ein Toter, 19 Jahre alt. Schnell anziehen,
dann Fahrt zum Unfallort. Der Einsatzleiter informiert uns kurz und weist auf
eine Abdeckplane am Straßenrand. Sie waren zwischen zwei Discos unterwegs, die
vier. Soviel erfahren wir. Der Entgegenkommende fuhr ahnungslos auf seiner Fahrbahnseite
die leichte Rechtskurve hoch. Keine Chance, auszuweichen. Inzwischen sind wir
bei der Plane angekommen. Ich bücke mich, schlage das Tuch um. Ein Bild, das
mich noch einige Nächte begleiten wird: ein schönes, blutverschmiertes, totes
Gesicht. 19 Jahre alt, es könnte auch unser eigener sein. Stille. Wir spüren
die Augen der umherstehenden Rettungskräfte, Polizisten, Feuerwehr. Man schaut
betroffen und erwartet ein Wort, ein Zeichen, eine Handlung. Wie viele mögen
sie schon so gesehen haben? Und doch ist jeder Anblick eines Unfallopfers für
sie jedes Mal wieder die Konfrontation mit einem Einzelschicksal, das ohnmächtig
und betroffen macht. Uns auch. Da gibt es keine Routine, keinen fertigen Text,
kein leeres Gerede. Wir hocken neben dem Gesicht des Jungen. Ich bete still
und ohne Worte. Dann doch ein fertiger Text, das Vaterunser. Leise, aber es
hilft Umstehenden, mitzusprechen. Ein Segenswort, ein Kreuzzeichen, ein letzter
Blick, und ich decke das Gesicht wieder zu.
Wir warten am Straßenrand. Totenwache. Nach und nach erfahren wir mehr. Ist
alles nicht so wichtig, nur, dass hier jemand tot liegt mit 19, dass andere
verletzt sind - wer weiß, wie schwer - das ist wichtig. Endlich kommt der Einsatzleiter
der Polizei. Die zweite schwere Aufgabe liegt vor uns: an einer fremden Haustüre
zu läuten und dort die schlimmste aller Nachrichten zu überbringen. Wir erfahren
die Anschrift der Eltern, fahren hinter dem Polizeiwagen her. Es ist fünf, es
dämmert schon. Kurze Absprache. Der Polizeibeamte drückt den Klingelknopf. Nichts.
Noch einmal. Dann: Licht, eine Tür. „Wer ist da?“ „Die Polizei.“ Ein Blick trifft
den Polizisten und uns. Entsetzen. Ein Vorname, ein Fragezeichen. Wir nicken.
Eigentlich ist damit alles gesagt und muss doch in ausgesprochene Worte gefasst
werden: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Sohn bei einem Verkehrsunfall
vor zwei Stunden ums Leben kam.“
Alle Gedanken über ein langsames, sanftes Hinführen auf die bittere Wahrheit
sind graue Theorie. Die Seele erkennt viel schneller...... Schock und erste
Fassung zugleich. Weinen ist noch nicht möglich. Immer wieder Kopfschütteln
und „Nein“. Der Polizist schildert den Unfallhergang. Einmal, Zwischenfragen,
zweimal und manches wird immer wieder nachgefragt. Ich habe großen Respekt vor
der warmherzigen Sensibilität des Polizisten. Wir sind noch nicht dran. „Wo
ist er jetzt?“ „Der Bestatter hat ihn zum Friedhof gebracht.“ „Können wir ihn
noch mal sehen?“ ....... „Ja, selbstverständlich“, antworte ich. Da löst sich
endlich die Starrheit. Die Mutter beginnt zu weinen. Und ich spüre, wie gut
es ist, zu zweit zu sein. Meine Frau nimmt die Mutter sachte in den Arm und
lässt sie an sich gelehnt einfach weiter weinen. Der Vater will zur Unfallstelle
fahren. „Nein, bitte bleib da!“ So wird nochmals alles in Einzelheiten berichtet
und beantwortet....... Für die Eltern muss langsam ein Bild aufgebaut werden.
Der Polizeibeamte verabschiedet sich. Wir bleiben. „Warum, Herr Pfarrer, warum??“
................ Ich weiß es nicht....... (Textauszüge aus dem Handbuch „Disco-Fieber“)
Anmerkung: Wir, vom brennessel-Team, beim Lesen der Tatsachenberichte im Handbuch
selbst ergriffen, finden die Aktionen des Arbeitskreises „Disco-Fieber“ äußerst
wichtig, um Jugendliche und junge Erwachsenen aufzurütteln. Schon ein einzig
dadurch gerettetes Leben, wäre ein großer Erfolg. Wir stellten deshalb kostenlos
unsere Seite für diese Publikation zur Verfügung.