Die Etikette sicher im Griff
Sechs für den Magister und zwölf für
den Doktor:
So viele Pflichtkurse an einer
»Charme School« belegen Studenten am renommierten »Massachusetts Institute of
Technology« und üben gutes Benehmen. In Deutschland werden Werte wie gute Umgangsformen
und Tischmanieren wieder wichtiger und als »soft skills« erwartet. Unternehmen
laden neuerdings Bewerber zu Testessen ein und Benimm-Seminare für Berufseinsteiger
boomen – ob in Volkshochschulen oder Unis. Etikette hat wieder Konjunktur.
Wie verhält man sich richtig? Grundsätzlich sind Verständnis, Höflichkeit, flexibler
Umgang mit Menschen und Situationen sowie das elegante Ausbügeln eigener und
fremder Fehler die besten Voraussetzungen, um sich auf beruflichen Parkett sicher
zu bewegen.
Standardsituationen Arbeitsessen sind ein wichtiges Instrument im Geschäftsleben.
Ob Sie Kontakte vertiefen, Geschäftsabschlüsse feiern oder zu neuen Projekten
motivieren wollen: Beim Geschäftsessen geht es nie nur um die reine Nahrungsaufnahme.
Sich als Gastgeber vor dem Termin ein erprobtes Restaurant auszusuchen und einen
Tisch zu reservieren, ist selbstverständlich. Trifft man sich mit den Geschäftspartnern
vor dem Restaurant, öffnet man ihnen die Tür, geht aber im Lokal voran. Besser
ist es, sich drinnen zu verabreden und vorher schon den Tisch in Augenschein
genommen zu haben.
Geschäftsfrauen verhalten sich als Gastgeberin genau wie männliche Gastgeber.
Damit gelten sie auch nicht mehr – wie sonst im gesellschaftlichen Umfeld –
per se als ranghöher. Völlig überkommen sind Regeln wie solche, dass Frauen
nicht bezahlen, Geschäftspartnern nicht die Tür öffnen sollen oder eine extra
»Damenkarte« erhalten, auf denen keine Preise vermerkt sind.
Vorstellen: Wer gibt die Hand? Beim Geschäftsessen treffen einander unbekannte
Menschen aufeinander - also muss vorgestellt werden. Was dabei schief gehen
kann, wenn der kleine, aber feine Unterschied zwischen Gruß und Handschlag missachtet
wird, schildert Literaturkritiker Hellmuth Karasek in seinem Roman »Das Magazin«:
Der junge Redakteur will den Chefredakteur per Handschlag begrüßen - und steht
dabei am Pissoir. Abgesehen von dem pikanten Ort ist so ein Verhalten ein grober
Fauxpas. Ob es zum Handschlag kommt, entscheidet allein die ranghöhere Person.
Im Geschäftlichen ist das immer diejenige, die in der Betriebshierarchie höher
steht. Bei Gleichrangigkeit gibt das Alter den Ausschlag.
Stellt eine dritte Person Geschäftspartner vor, gibt erneut der berufliche Rang
den Ausschlag: Der Ranghöhere erfährt zuerst, wen er vor sich hat. Häufig gelten
aber Gäste und Kunden prinzipiell als ranghöher - und gegenüber Geschäftspartnern
aus dem Ausland ist es ohnehin eine höfliche Geste, diese den Inländern vorzustellen.
Wer zu einer Gruppe dazu stößt, stellt sich am besten selbst vor, dabei nennt
man Vor- und Nachnamen und zwecks besserer Einordnung am besten auch die Aufgaben,
die man im Unternehmen erfüllt.
Platz nehmen: Welcher Stuhl für wen? Eingeladene Geschäftspartner bekommen die
besten Plätze - also die, bei denen der Gast in den Raum blicken kann. Dabei
wählen die Gäste selbst, wohin sie sich setzen, und nehmen zuerst Platz. Achtung:
Ein gastgebender Vorgesetzter wartet, bis seine Mitarbeiter Platz genommen haben.
Sind Männer und Frauen in der Runde, setzen sich diese möglichst abwechselnd
nebeneinander. Herren finden ihre Tischdame übrigens immer rechts. Wer es ganz
traditionell hält, schiebt dieser den Stuhl beim Platz nehmen zurecht und erhebt
sich, wenn »sie« während des Essens aufsteht.
Geht es an die Auswahl des Essen, bestellt jeder Gast für sich. Gastgeber oder
Gastgeberin können aber Vorschläge machen – auch, um das ungefähre Preisniveau
zu signalisieren. Sie bestellen als letzte, sind aber sonst die ersten: Wenn
es um den Probierschluck beim Wein und das Signal zum Essensbeginn und –ende
geht.
Um Verzögerungen zu vermeiden, sollten alle Gäste gleich viele Gänge bestellen.
Sonst könnte es Ihnen ergehen wie dem heutigen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher,
der als Jungredakteur zu einem Treffen mit französischen Geistesgrößen eingeladen
war. Da er nicht wusste, dass man sich nur zu einem kurzen Arbeitsessen eingefunden
hatte, bestellte er ein mehrgängiges Menü – und zog sich damit die Verachtung
von Pierre Bourdieu und Jacques Derrida zu.
Serviette, Gedeck und Co Bei einem kleinen Arbeitsessen am Mittag in einem durchschnittlichen
Restaurant erwartet Sie nicht zwangsläufig das große Gedeck, aber irgendwann
wird das der Fall sein. Nur keine Bange: Im Grunde ist es ganz einfach. Beim
Besteck arbeitet man sich von außen nach innen vor, nimmt also für jeden Gang
Messer und Gabel neu. Dessertlöffel liegen über dem Teller, der Brotteller steht
immer links vom eigenen Gedeck. Einmal aufgenommen, sollte das Besteck nicht
mehr das Tischtuch berühren. Wenn Sie es während des Essens ablegen wollen:
immer auf den Teller damit.
Gibt es zu jedem Gang ein anderes Getränk, benutzt man die Gläser von rechts
nach links. Das Wasserglas steht dabei ganz rechts außen. Langstielige Gläser
sind immer am Stiel anzufassen. Apropos Gläser: Bevor Sie etwas trinken, tupfen
Sie sich den Mund mit der Serviette ab, die Sie auf Ihren Knien platziert haben.
Brot zu zerschneiden oder gar im Ganzen mit Butter zu bestreichen, gilt in gehobenen
Restaurants als Unsitte. Also besser das Brot in einzelnen Stücke brechen und
mit wenig Butter bedecken. Suppenteller nicht kippen, um den Rest auszulöffeln
- bei Suppentassen ist es hingegen erlaubt.
Besondere Situationen Auch bei Geschäftsessen passieren unvorhergesehene Dinge
- und darauf müssen Sie angemessen reagieren, schließlich repräsentieren Sie
nicht nur sich selbst. Unangenehm ist es, zu spät beim Essen einzutreffen: Entschuldigen
Sie sich beim Gastgeber und Ihren Tischnachbarn. Falls möglich, rufen Sie vorher
an und teilen Sie Ihre Verspätung mit. Für kritische und peinliche Momente immer
die Grundregel beherzigen: Nie als unbeteiligter Dritter ins Geschehen eingreifen.
Hummer Als schwieriges Essen gelten gemeinhin Fisch, Geflügel und Meeresfrüchte.
Wenn jeder sein Essen selbst bestellt, ist es natürlich leicht, diese Fallen
zu umgehen. Was aber, wenn am Tisch alle das Gleiche bekommen und Sie mit dem
Essen buchstäblich nicht umzugehen wissen? Dann ist es durchaus legitim, die
Bedienung zu bitten, die Forelle zu filetieren oder die Hummerscheren zu knacken.
Gerade Hummer wird aber meistens schon in der Küche so angerichtet, dass die
Hummerzange überflüssig wird. Dann müssen Sie das Fleisch nur noch mit der Hummergabel
aus Beinchen und Scheren ziehen - und aus dem halbierten Panzer mit dem normalen
Besteck.
Meeresfrüchte Schlürfen erlaubt, heißt es bei Austern. Mit einer speziellen
Austerngabel wird das Fleisch vorsichtig von der Schale gelöst und nach Belieben
mit Zitrone, Pfeffer oder Salz gewürzt. Dann die Austernschale an den Mund setzen
- und schlürfen. Mitsamt dem Meerwasser. Muscheln isst man mit Muscheln: Hat
man die erste mit einer Gabel gegessen, dient danach deren Schale als Zange
für die weiteren Muscheln. Der beigestellte Zitronensaft ist übrigens zum Säubern
der Finger.
Geflügel, Spaghettis und Kartoffeln Geflügel wie Hähnchen oder Wachteln isst
man mit Messer und Gabel, dabei empfiehlt es sich, zuerst die Extremitäten und
dann den Körper zu verzehren.
Spaghetti kommen mit dem Messer niemals in Berührung: Gerollt statt geschnitten
ist die Devise. Könner schaffen es, Spaghettis an der Kante des Tellers nur
mit der Gabel zu aufzurollen, alle anderen dürfen auch den Löffel zur Hand nehmen,
bevor die Aktion peinlich wird.
Wer denkt, Kartoffeln seien eine leicht zu meisternde Speise, liegt falsch.
Denn auch heute schneidet man sie nicht durch, sondern bricht mit der Gabel
kleine Stückchen ab. Nicht gern gesehen ist weiterhin das Zermantschen der gesamten
Kartoffel – wie überhaupt jegliches Zusammenrühren von Speisen zu einem Brei.
Also lieber lassen.
Alkohol
Wenn Ihre Geschäftspartner Alkohol bestellen und vielleicht auch das ein oder
andere Glas mehr trinken, als Sie vertragen, müssen Sie sich nicht unter Druck
gesetzt fühlen. Bleiben Sie bei Ihrem einen Glas Wein oder auch Wasser. Heute
gilt es absolut nicht mehr als unhöflich, ganz auf alkoholische Getränke zu
verzichten - auch wenn Sie die Gäste selbst dazu einladen möchten.
Rauchen
Während des Essens ist Rauchen ein absolutes Tabu – es sei denn, alle am Tisch
sind Raucher und wissen voneinander, dass sie zwischen den Gängen rauchen. Ansonsten
ist die erste Zigarette erst nach dem Dessert angebracht. Die anderen Gäste
müssen vorher unbedingt gefragt werden, ob der Rauch sie nicht stört.
Missgeschicke
Fallen Ihnen Serviette oder Besteck herunter, suchen Sie nicht danach auf dem
Boden, sondern bitten den Ober um ein neues. Sie haben Ihr Rotweinglas umgestoßen
und der Inhalt ergießt sich gerade über die Tischdecke? Eine Entschuldigung
zu Ihrem Tischnachbarn und, wenn der Kellner nicht sofort reagiert, Ihre Serviette
auf der Lache, genügen. Unangenehmer ist es, wenn der Wein auf die Hose des
Geschäftspartners läuft: Bieten Sie Ihre Serviette als erste Schadensbegrenzung
an, rubbeln Sie aber nicht selbst auf Fleck und Kleidung herum! Eine sofortige
Entschuldigung versteht sich von selbst, angebracht ist das Angebot, für die
Reinigung aufzukommen und eine schriftliche Entschuldigung am nächsten Tag.
Verletzende oder ungeschickte Äußerungen während eines Geschäftsessens sollten
natürlich gar nicht erst vorkommen. Ist Ihnen doch ein Fauxpas unterlaufen,
bereden Sie die Sache nicht groß am Tisch, sondern klären Sie sie hinterher
im Vier-Augengespräch.
Peinliches schnell und ohne großes Aufhebens zu beenden, ist immer am besten
– und die Geschäftspartner werden Ihre Souveränität zu schätzen wissen. Wenn
Sie darüber hinaus auch angemessenen Humor beweisen, umso besser.
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bei ueberreuter Quelle: stern