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Mai 31, 2022

Eichstätt, (upd) – Es sind keine Bücher, die man nebenher liest. Denn nicht nur der Inhalt, sondern auch das Schriftbild mittelalterlicher Handschriften erschließt sich nur durch fundiertes Fachwissen. „Näher kann man dem Mittelalter nicht kommen“, schwärmt die Expertin Dr. Sabine Buttinger mit Blick auf die vor ihr ausgebreiteten Bände in der Hofgartenbibliothek der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU). Allein die Beschaffenheit der Bände, ihr Material, die Verarbeitung und der präzise Rhythmus der auf Pergament und Papier geschriebenen Schrift üben nicht nur auf Fachleute eine ganz besondere Faszination aus. Im Auftrag der Universitätsbibliothek hat die Historikerin in akribischer Detailarbeit über zwei Jahre hinweg knapp 30 mittelalterliche Codices erschlossen und katalogisiert, die zum Bestand des Bischöflichen Seminars Eichstätt gehören. Dieser wiederum ist in Obhut der Universitätsbibliothek.

Den Großteil der 30 Handschriften konnte Dr. Sabine Buttinger etwa anhand von Besitzeinträgen oder der Art der Bindung dem früheren Augustinerchorherrenstift Rebdorf zuordnen. Hinzu kommen Bände aus Schenkungen unter anderem von der Dombibliothek an das Seminar sowie acht Bände aus Süddeutschland und Österreich, deren Weg in den Bestand des Priesterseminars nicht mehr nachvollziehbar ist.

Der Katalog markiert zugleich die nahezu vollständige Erschließung des Gesamtbestandes an etwa 450 mittelalterlichen Handschriften, die von der Universitätsbibliothek verwahrt werden. „Die online frei zugänglichen Ergebnisse der Katalogisierung des Priesterseminar-Bestandes bietet nun wiederum die Grundlage für weitere Forschung“, erklärt Dr. Heike Riedel-Bierschwale, Leiterin der Abteilung Historische Bestände an der Universitätsbibliothek.

Denn mancher Band, der inhaltlich unscheinbar wirkt, lässt interessante Querverbindungen zu. So gehört zum neu erschlossenen Bestand etwa ein Codex, der sich auf den ersten Blick inhaltlich lediglich mit lateinischer Grammatik im Sinne einer Schulhandschrift beschäftigt. Interessant wird die Handschrift jedoch durch einen Schreibervermerk, der auf den aus Sachsen stammenden Johannes Permetter de Adorf verweist – dem ersten Doktor der Theologie an der Universität Ingolstadt. Er studierte ab 1453 zunächst an der Artistenfakultät in Leipzig und erwarb nach einem Studium der Theologie in Heidelberg und Erfurt abermals in Leipzig den Grad eines Baccalaureus theologiae. Anschließend schrieb sich Magister Iohannes Permeter de Adorf 1472 an der neu eröffneten Universität Ingolstadt ein und wurde dort 1473 promoviert. Er wirkte an der Universität als Ordinarius und starb 1505 in Ingolstadt. Die Handschrift ist vermutlich noch im 15. Jahrhundert vom Kloster Rebdorf gekauft worden.

„Jede Handschrift ist eine Wundertüte. Es ist ein ungeheures Privileg, mit solchen Beständen zu arbeiten“, sagt Buttinger. Denn sie geben auch inhaltlich Einblick in eine längst vergangene Zeit, die jedoch bis in die Gegenwart nachwirkt. So ist eines der Stücke aus dem Bestand mit großer Relevanz für die historische Forschung. Über einen schlicht gefassten Pergamentfaszikel blickt man direkt auf Bischof Johann III. von Eych (1445–1464) und seine in Umsetzung der Basler Reformdekrete durchgeführte umfassende Reformtätigkeit im Bistum Eichstätt. In höchster Sorgfalt ist auf den Pergamentblättern jener Brief niedergeschrieben, den Johann von Eych 1457 an die Benediktinerinnen von St. Walburg richtete, die sich bis 1456 hartnäckig einer Reform widersetzt hatten. Der darin enthaltene detaillierte Rückblick auf die turbulenten und konfliktreichen Ereignisse macht diesen Brief zu einer wichtigen Quelle für die Kleriker- und Klosterreformen des 15. Jahrhunderts. Der Faszikel ist die bislang sechste bekannte Fassung dieses Schreibens des Bischofs.

Den hohen Stellenwert des Studiums und der Bücherpflege im Augustinerchorherrenstift Rebdorf wiederum illustriert der zu Ende des 15. Jahrhunderts angelegte und bis weit ins 16. Jahrhundert fortgeführte Bibliothekskatalog, der sich ebenfalls im neu erschlossenen Bestand findet. Der überwältigende Teil der etwa 1000 aufgeführten Werke wurde während der Blütezeit Rebdorfs unter Prior Kilian Leib (1503–1553) der stetig wachsenden Bibliothek hinzugefügt. Dicke Lagen, großzügige Lücken und zahlreiche von der anlegenden Hand bereits mit Kopftiteln versehene, ansonsten aber leere Blätter hatten das Potenzial, noch viele Titel aufzunehmen. Sie zeigen, dass man viel vorhatte.

Ein allein schon optisch kurioses Stück des Bestandes ist ein Band aus dem 15. Jahrhundert, der gerade mal in eine Handfläche passt. Auf hauchdünnem Pergament findet sich darin in Miniaturschrift unter vielem anderem die Benediktregel. Die in der Allerheiligenlitanei genannten Heiligen Rupert und Virgil deuten vermutlich in die Erzdiözese Salzburg. Der Gesamtzustand des mit einem lederbezogenen Holzdeckelband und winzigen Metallschließen versehenen Bandes legt die vorsichtige Vermutung nahe, dass es sich – trotz des handlichen Formates – nicht um einen Gebrauchsgegenstand gehandelt haben dürfte, sondern um ein verblüffendes Schmuckstück, dessen Herstellung und Besitz bereits eine Form der Andacht waren.

„Jede Handschrift ist ein Unikat. Und ich staune jedes Mal aufs Neue, welche Schätze bei der Erschließung unserer Bestände gehoben werden, welche Welt sich dadurch erschließt“, freut sich der Regens des Eichstätter Priesterseminars Michael Wohner. – Constantin Schulte Strathaus, KU Eichstätt-Ingolstadt

Der Katalog zum Handschriftenbestand des Eichstätter Priesterseminars ist online frei verfügbar unter
www.ku.de/bibliothek/suchen-und-finden/sammlungen/handschriften-nachlaesse.

 

 

Bild „Handschriften 1“: (v.l.) Dr. Maria Löffler (Leiterin der Universitätsbibliothek), Dr. Sabine Buttinger, Regens Michael Wohner und Dr. Heike Riedel-Bierschwale (Leiterin der Abteilung Historische Bestände) mit einer Auswahl historischer Handschriften aus dem Bestand des Priesterseminars, die über zwei Jahre hinweg erschlossen wurden. (Fotos: Schulte Strathaus/upd)

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