Mo. Okt 3rd, 2022

München – Die neue Corona-Variante Omikron besorgt Wissenschaft und Politik. Aber wie ansteckend ist die Mutante? Wie schwer ist der Krankheitsverlauf bei einer Ansteckung? Wird sie Delta verdrängen? Was wir bisher wissen – ein Überblick.

Die neu entdeckte Coronavariante „Omikron“ (B.1.1.529) ist in Europa angekommen. Drei Fälle sind in Deutschland bestätigt, zwei davon in Bayern. Die Niederlande melden bereits 13 Fälle, auch Belgien, Dänemark, Tschechien und Großbritannien sind betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte die Abwandlung, die außergewöhnlich viele Veränderungen im Erbgut trägt, als „besorgniserregend“ ein. Doch was ist überhaupt schon darüber bekannt, wie gefährlich die neue Variante ist? Eine Übersicht.

Ist Omikron noch einmal ansteckender als die vorherrschende Delta-Variante?
Sicher sagen lässt sich das noch nicht. B.1.1.529 hat Mutationen in der Nähe der sogenannten Furin Cleavage Site, einer Region, die eine Rolle bei der Aufnahme des Virus in menschliche Zellen spielt. Eine verbesserte Übertragbarkeit durch diese Änderungen sei denkbar, erklärt der Berliner Virologe Christian Drosten. Sicher nachgewiesen sei sie bisher nicht. Aus den Zahlen in Südafrika allein lasse sich nicht zwingend auf eine erhöhte Übertragbarkeit schließen, unter anderem da das Infektionsgeschehen dort zuletzt stark reduziert gewesen sei und neu auftretende Ausbrüche vor so einem sehr kleinen Hintergrund übergroß erscheinen könnten.

Inzwischen mehren sich allerdings die internationalen Verdachtsfälle und Nachweise – obwohl zumeist erst seit Freitag gezielt nach Omikron gesucht wird. Die Variante könnte sich also schon weitaus stärker verbreitet haben als bisher bekannt. Als ein Hinweis auf höhere Übertragbarkeit lässt sich ein Fall in Hongkong werten: Dort befand sich ein Mann nach seiner Einreise aus Südafrika in Quarantäne in einem Hotelzimmer, hatte aber offenbar keinen ausreichenden Mundschutz auf, als er seine Essenbestellung entgegennahm. Dies sei womöglich der Grund für die Infektion bei einem Hotelgast im Zimmer gegenüber.

Wie gut schützen die derzeit verwendeten Impfstoffe gegen Omikron?
Erste Laboruntersuchungen der Hersteller dazu laufen derzeit, mit Ergebnissen wird in etwa zwei Wochen gerechnet. Die genetischen Eigenschaften lassen einige Experten jedenfalls um den Impfschutz bangen: B.1.1.529 hat Mutationen an mehreren dafür entscheidenden Stellen. Eine Anpassung der Impfstoffe an Omikron sei sicher möglich falls nötig, sagt der Virologe Oliver Keppler vom Münchner Max-von-Pettenkofer-Institut. Seiner Einschätzung nach könnte das vier bis sechs Monate dauern.

Corona-Experte Drosten geht derzeit davon aus, dass die verfügbaren Impfstoffe „grundsätzlich weiterhin schützen“. Gerade der Schutz gegen schwere Erkrankungen sei besonders robust gegen Virusveränderungen. Laut RKI-Präsident Lothar Wieler bleibt die Impfung immer noch die beste Option, auch wenn die Wirksamkeit eventuell verringert ist. Wer sich habe impfen lassen, habe schon einen gewissen Schutz. Für einen kompletten Ausfall des Immunschutzes wären nach wissenschaftlichem Kenntnisstand noch „bedeutend viel mehr Mutationen“ im Spike-Protein erforderlich, so Drosten.

Dem Berliner Infektionsimmunologen Leif Erik Sander zufolge hat Omikron zwar viele Veränderungen an Stellen, an denen gerade die besten Antikörper binden können. Aber der menschliche Körper bilde eine Unmenge an verschiedenen Antikörpern und auch spezielle Zellen der Immunabwehr, die in der Regel ganz andere Stellen erkennen als die Antikörper.

Wie sieht es beim Risiko für eine erneute Corona-Infektion aus?
Christian Drosten geht derzeit davon aus, dass es sich bei Omikron um eine sogenannte Immunescape-Variante handelt, die eine gegen andere Sars-CoV-2-Versionen aufgebaute Immunabwehr umgeht. Denn die aktuellen Omikron-Patienten hätten sehr häufig schon eine Corona-Infektion durchgemacht. Dies allein könne im Fall von Südafrika auch schon eine Erklärung für eine relativ zum vorher zirkulierenden Delta-Virus erhöhte Übertragbarkeit sein.

Erkranken mit Omikron Infizierte schwerer?
Bisher gibt es laut Drosten keine Hinweise darauf, dass Omikron schwerere oder leichtere Krankheitsverläufe nach sich zieht. Nach Angaben der Mediziner-Vereinigung SAMA in Südafrika erkrankten die dort Betroffenen bisher nicht schwerwiegender. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält einen leichteren Krankheitsverlauf bei Omikron für möglich. Es wäre wirklich ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, wenn Omikron leichter verliefe, schrieb Lauterbach bei Twitter. „Bei so vielen Mutationen wäre es aber denkbar.“

Allerdings stehen die Analysen noch am Anfang, Südafrika hat zudem andere Grundvoraussetzungen – etwa eine andere Altersstruktur – als Länder wie Deutschland. Hinzu kommt, dass sich in Südafrika Großteils Menschen infizierten, die schon von einer anderen Variante genesen waren, also schon einen gewissen Immunschutz haben. Darum seien Aussagen über den Krankheitsverlauf derzeit nicht möglich, sagt auch Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI).

Warum ist die internationale Besorgnis so groß?
Die Omikron-Variante ist laut dem Virologen Keppler vom Münchner Max-von-Pettenkofer-Institut hochansteckend und verdrängt derzeit in Südafrika bereits die Delta-Variante. Es bestehe die Sorge, dass die aktuellen Impfstoffe weniger gut vor Omikron schützen könnten als vor den bisherigen Varianten, so Keppler. Ob der Impfschutz beeinträchtigt ist und wie stark, werde sich in Labortests in den nächsten zwei Wochen zeigen. Einen Teilschutz gebe die Impfung aber sicherlich.

Omikron trägt so viele Mutationen wie noch von keiner Variante zuvor bekannt, davon allein mehr als 30 beim Spike-Protein, über das das Virus an menschliche Zellen andockt. Gegen das Spike-Protein bildet der Körper bei einer Ansteckung mit dem Virus Antikörper. Auch viele der Impfstoffe regen das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern gegen dieses Protein an. Hinzu kommen – neben weiteren mit unbekannten möglichen Folgen – die Mutationen nahe der schon genannten Furin Cleavage Site.

Drosten erklärte, Omikron vereine erstmals kritische Mutationen in der Rezeptorbindungsstelle aus den Varianten Alpha (erstmals nachgewiesen Ende 2020 in England), Beta (Südafrikanische Epidemie im zweiten Halbjahr 2020), Gamma (Brasilien 2020) und Delta (Indien 2021 und jetzt global vorhanden).

Für eine Bewertung und Einordnung der Veränderungen brauche es nun weitere Daten. Reisebeschränkungen als Vorsichtsmaßnahme hält der Virologe für sinnvoll. – BR

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