Fr. Jul 1st, 2022

So soll der Landkreis jungen Medizinerinnen und Medizinern schmackhaft gemacht werden

Neuburg – Kommunalpolitiker und Vertreter aus dem Gesundheitsbereich im Landkreis diskutieren mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern über die Hausärzteversorgung. Die Hausärzteversorgung im Landkreis ist ein brisantes Thema, das die Menschen bewegt und die Politik umtreibt. Immer öfter finden Bürgerinnen und Bürger keinen Ersatz, wenn eine Praxis aus Altersgründen geschlossen wird. Und die Demografie verschärft das Problem in den nächsten Jahren weiter.

Bei den für die Daseinsvorsorge Verantwortlichen schrillen deshalb die Alarmglocken. Besonders akut ist die Lage im Schrobenhausener Land, weshalb
Bürgermeister Harald Reisner jetzt auf Initiative von Landrat Peter von der Grün zu einem Meinungsaustauch von Kommunalpolitikern und Vertretern aus dem Gesundheitsbereich des Landkreises mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) in den neu sanierten Sitzungssaal des Schrobenhausener
Rathauses eingeladen hatte.

Den Sicherstellungsauftrag der Hausärzteversorgung hat der Gesetzgeber der KVB übertragen, die als Dienstleister verantwortlich ist für die bedarfsgerechte ärztliche Versorgung der gesetzlich Versicherten. Zusammen mit den Krankenkassen stellt die KVB den Bedarfsplan für Bayern auf. Der Landkreis Neuburg-Schrobenhausen zerfällt in zwei Planungsbereiche, Neuburg im Norden und Schrobenhausen, zusammen mit der Pfaffenhofener Marktgemeinde Hohenwart, im Süden. Während in Neuburg bei einem Versorgungsgrad von 101,14 % ziemlich punktgenau Regelversorgung herrscht, ist der Süden laut Bedarfsplanung der KVB mit 119,20 % überversorgt. Das heißt, im Schrobenhausener Land gibt es fast 20 Prozent mehr Praxen, als der Bundesgesundheitsausschuss aufgrund des Arzt- Einwohner-Verhältnisses festgelegt hat.

Allerdings trügt die Statistik, denn die demografische Entwicklung ist in diese Berechnung nicht eingepreist. Das Durchschnittsalter der Hausärztinnen und Hausärzte beträgt im Landkreisnorden 55,7 Jahre, im Süden sogar 57,2 Jahre, was deutlich über dem bayernweiten Schnitt liegt. So sind im Schrobenhausener Land 45 Prozent der Niedergelassenen älter als 60 Jahre, im Norden sind es sogar 46 Prozent. Für die Politik allemal ein Warnsignal und ein Grund zum Handeln. Sinkt der Versorgungsgrad unter eine kritische Grenze, was angesichts der Altersstruktur der Ärzteschaft in den nächsten zehn Jahren Realität werden wird, tritt die KVB auf den Plan. Ein Förderungsbedarf bestehe allerdings erst bei einem Versorgungsgrad von unter 75 Prozent, erklärte Stefano Giusto, KVB-Teamleiter Beratung im Beratungscenter Oberbayern. Dann zahle die KVB eine Prämie als Anreiz für
Neuansiedlungen.

Doch damit seien die Probleme nicht unbedingt gelöst, so Giusto weiter. „Geld ist nicht der primäre Anreiz für Ärzte.“ Wie in vielen anderen Bereichen habe sich das Berufsbild in den vergangenen 20 Jahren geändert. Giusto: „Die Medizin ist weiblicher geworden und die Vereinbarkeit von Job und Familie wird für die jungen Ärztinnen und Ärzte immer wichtiger.“ Der klassische Landarzt, der Tag und Nacht im Einsatz ist, sei ein Auslaufmodell und der Werkzeugkasten der KVB, diesem Trend entgegenzuwirken, limitiert. Die Politik auf allen Ebenen müsse sich gegen diese Entwicklung stemmen, findet Landrat Peter von der Grün. Eine Möglichkeit sind kommunale Medizinische Versorgungszentren (MVZ), die oftmals an Krankenhäuser angeschlossen sind. „Man muss Räumlichkeiten und Zulassungsformen schaffen, die dem medizinischen Nachwuchs ein Vertragsärztedasein schmackhaft machen. Die Städte und Gemeinden müssen sich also gut vermarkten und innovative Ideen entwickeln, um für junge Medizinerinnen und Mediziner interessant zu werden“, findet der Landkreischef. Denn die Kommunen stünden in Konkurrenz zueinander um das knappe Gut der Mediziner und der medizinischen Fachkräfte im Allgemeinen. Dabei werde der Landkreis nach Kräften unterstützen.

Zusammen identifizierte die Runde drei Forderungen: Der Zugang zum Medizinstudium müsse erleichtert werden, der Arztberuf attraktiv bleiben.
Und der Entbürokratisierung in den Arztpraxen falle eine Schlüsselrolle zu. Der Verwaltungsaufwand sei immens geworden, sprach Dr. Christian Rupp aus Erfahrung. Das Problem müsse freilich auf Bundesebene angegangen werden, waren sich die Vertreter der KVB, Mediziner und Kommunalpolitiker unisono einig. Wie auch beim Thema der ausgedünnten Bereitschaftspraxen – seit Jahren unterhält die KVB keine mehr im Landkreis – ist nach Ansicht von Shahram Tabrizi, dem Gesundheitsreferenten des Kreistags, ein Schulterschluss aller politischen Entscheidungsträger erforderlich.

 

 

Bildtext:
Tauschten sich in Schrobenhausen über die Hausärzteversorgung im Landkreis aus (von links): Dr. Holger Koch (Geschäftsführer Kreiskrankenhaus), Rita Schmid (Stellvertretende Landrätin), Shahram Tabrizi (Gesundheitsreferent des Kreistags), Jessica Lampl (Kassenärztliche Vereinigung Bayern), Benjamin Laub (KVB), Landrat Peter von der Grün, Dr. Mattias Fischer-Stabauer, Jürgen Haindl (Bürgermeister Hohenwart), Stefano Giusto (KVB-Teamleiter), Dr. Christoph Rupp und Harald Reisner (Bürgermeister Schrobenhausen). Bildunterschrift: Landkreis Neuburg-Schrobenhausen

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