Mi. Jun 29th, 2022

München – Russland fährt die Gaslieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 weiter zurück. Die Durchleitungen würden um ein Drittel auf nur noch 67 Millionen Kubikmeter Gas am Tag gekürzt, so Gazprom. Erst am Dienstag war eine Reduzierung verkündet worden.

Der russische Energiekonzern Gazprom reduziert die maximalen Gasliefermengen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland erneut. Von Donnerstagfrüh an würden täglich nur noch maximal 67 Millionen Kubikmeter durch die Leitung gepumpt, kündigte Gazprom am Mittwoch an. Die neuerliche Reduktion bedeutet eine Drosselung um rund 60 Prozent innerhalb von zwei Tagen.

Bereits am Dienstag hatte Gazprom die Reduktion des bisher geplanten Tagesvolumens von 167 Millionen um rund 40 Prozent auf 100 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag bekannt gegeben und auf Verzögerungen bei der Reparatur von Gasverdichtern verwiesen. Der Energietechnikkonzern Siemens Energy hatte mitgeteilt, dass eine in Kanada überholte Gasturbine aufgrund der Russland-Sanktionen derzeit nicht aus Montréal zurück geliefert werden könne. Am Mittwoch begründete das russische Staatsunternehmen die Drosselung dann erneut mit Verzögerungen bei Reparatur-arbeiten durch die Firma Siemens. Deshalb müsse eine weitere Gasverdichtungsanlage abgestellt werden, hieß es.

Nord Stream 1 ist Hauptversorgungsleitung für Deutschland
Für Deutschland ist Nord Stream 1 die Hauptversorgungsleitung mit russischem Gas. Zuvor war schon die Leitung Jamal-Europa, die durch Polen führt, nicht mehr befüllt worden. Reduziert ist auch die Durchleitung von russischem Gas durch die Ukraine. Vor diesem Hintergrund hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die 40-Prozent-Drosselung russischer Gaslieferungen als politisch motiviert eingestuft. Auch bei ihm bestehe der Eindruck, „dass das, was gestern passiert ist, eine politische Entscheidung ist, keine technisch begründbare Entscheidung“, sagte Habeck am Mittwoch in Berlin.

Eine Sprecherin von Siemens Energy sagte am Mittwoch, eine zweite Gasturbine, deren Wartung ebenfalls turnusgemäß 2022 anstehe, befinde sich noch in Russland. Das Unternehmen machte keine Angaben dazu, wann genau die Wartung dieser Turbine geplant sei. Man habe in Abstimmung mit der Europäischen Kommission festgestellt, dass die Wartung dieser Anlagen nicht den Sanktionen unterliege, sagte Habeck am Mittwoch, noch vor der neuerlichen Ankündigung einer weiteren Drosselung. Das habe er auch persönlich Siemens Energy bestätigt. Die Anlagen würden über Kanada gewartet.

Man sei mit den Kanadiern im Gespräch, inwieweit kanadische Sanktionen dies ermöglichten. Die erste Wartungstranche, wo das relevant geworden wäre, falle nach „unserer Kenntnis“ erst im Herbst an, und dann auch nicht in der Dimension von 40 Prozent, sagte Habeck. Deswegen sei auch sein Eindruck, dass es sich um eine politische Entscheidung handele und nicht um eine technische.

Gas-Großhandelspreis steigt stark an
Bereits durch die bisherigen Einschränkungen hatten sich die Energiepreise erhöht, weil insgesamt weniger Gas von Russland nach Europa fließt. Die fertige Gaspipeline Nord Stream 2 ist bisher nicht in Betrieb genommen worden.

Nach der Ankündigung einer weiteren Drosselung legte der Gas-Großhandelspreis am Mittwoch kräftig zu. Am niederländischen Handelsplatz TTF kostete im Juli zu lieferndes Erdgas am späten Mittwochnachmittag (17.45 Uhr) pro Megawattstunde 113,8 Euro nach 97 Euro am Vortag – ein Plus von gut 17 Prozent. Am Montag hatte der Preis noch 83,4 Euro betragen, am Mittwoch vor einer Woche 79,4 Euro.

Der Preis schwankt sehr stark. So lag er am 7. März bei 206,9 Euro. Vor einem Jahr, am 15. Juni 2021, kostete die Megawattstunde Juli-Erdgas 18,9 Euro. Aus Branchenkreisen hieß es, dass Russland nicht unmittelbar von den gestiegenen Gaspreisen profitiert, weil es inzwischen nur noch Langfristverträge bedient.

Eine weitere Drosselung der Liefermengen durch die Ostseepipeline – auf Null – ist bereit seit einigen Tagen bekannt. Als Grund gab die Betreibergesellschaft Wartungsarbeiten an. Sie fanden auch in den Vorjahren in diesem Zeitraum statt. Beide Leitungen des Doppelstrangs werden demnach vom 11. bis zum 21. Juli, jeweils 6.00 Uhr, abgeschaltet. – BR

Kommentar verfassen