Fr. Sep 17th, 2021

Welche Bildung die Arbeit der Zukunft benötigt
Ingolstadt, (upd) – Welche Bildung braucht es, um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können und Menschen eine gute berufliche Perspektive zu bieten? Diesen Fragen ist eine Diskussionsrunde der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt nachgegangen, die live aus der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Ingolstadt online übertragen worden ist.

Unter dem Motto „Erlebe Zukunft jetzt!“ tauschten sich dabei Schüler, Lehrkräfte, Politik, Wissenschaft sowie Wirtschaftsvertreter zu Ansprüchen, Sorgen und Perspektiven aus. Die rund 160 Teilnehmenden an den Bildschirmen machten rege von der Gelegenheit gebrauch, ihre Fragen an die Runde zu stellen.

„Gerade als Universität in der Region erachten wir die Zukunft von Bildung und Arbeit als ein drängendes Thema, zu dem wir in den Austausch treten wollen. Und drängt seit langem die Frage: Was sind die Notwendigkeiten der Zukunft, die wir den Studierenden mitgeben und auch an die aktuellen Entscheider in Bildung, Wirtschaft und Politik vermitteln können“, schilderte KU-Vizepräsident Prof. Dr. Jens Hogreve die Intention der Veranstaltung. Digitalisierung als Schlüsselthema der Zukunft wolle die KU dabei bewusst vom Menschen her zu denken und darüber hinaus fragen, was wichtig ist für unser Zusammenleben.

Einen von drei Impulsvorträgen steuerte der Ingolstädter Schüler Benedikt Schmitz, Mitglied der FridaysforFuture-Bewegung, bei. Zwar werde ein digitaler Wandel auch zum Verlust von Arbeitsplätzen führen; in der Gesamtschau hätten technische Innovationen jedoch, so Schmitz, rückblickend stets zu mehr Arbeitsplätzen geführt. Dies gelte unter anderem auch für Branchen, die sich auf fossile Energien stützen und neue Perspektiven durch erneuerbare Energien erhielten. „Wir müssen aber nicht nur darauf vorbereitet werden, mit Technik, sondern vor allem mit und für Menschen zu arbeiten.“ Fakten seien heutzutage leicht verfügbar, so dass vor allem die Anwendung und Bewertung von Fakten im Schulsystem eine größere Rolle spiele müsse.

Als Geschäftsführer der Unternehmensberatung Achtzig20 skizzierte Florian Holste die „agile Transformation“ als dominierendes Thema für Unternehmen – also die Frage, wie sich Firmen zukunftsfähig aufstellen können trotz eines Umfeldes, das nur wenig Planungssicherheit bietet. Es gelte deshalb, im Bildungsbereich frühzeitig ein entsprechendes Bewusstsein zu vermitteln – ohne Hierarchien und geprägt von funktionsübergreifenden Teams. So sei es später weniger schwierig, Mitarbeiter „aus ihrer Komfortzone“ zu holen.

Prof. Dr. Shashi Matta – an der WFI Inhaber des Lehrstuhls für Innovation and Creativity und dort zuständig für Kontakt und Austausch mit Schulen – zeigte am Beispiel führender Persönlichkeiten, dass es „keine größere Kraft als Bildung“ gebe. So könne sie Gleichberechtigung und Revolutionen bewirken – dies zeige etwa Mahatma Gandhi, der seine Ausbildung in England erfuhr und kurioserweise auf dieser Grundlage das Ende der britischen Kolonialherrschaft bewirkte.

Bildung könne zudem dazu beitragen, die wichtigen Probleme der Menschheit zu lösen, wie zum Beispiel der Lebensweg des aus einer Gastarbeiterfamilie stammenden Biontech-Gründers Ugur Sahin zeige, der mit seiner Firma einen Corona-Impfstoff entwickelt. „Zahlreiche Think Tanks stimmen darin überein, dass es künftig auf Problemlösungskompetenz, kritisches Denken, Kreativität sowie emotionale und Führungskompetenz ankommt.“ Das aktuelle Bildungssystem sei jedoch besessen von Tests und Auswendiglernen. „Was bedeutet es für das Bildungssystem, wenn die kommenden Generationen diese Fähigkeiten vermittelt bekommen sollen?“, fragte Matta in die folgende Runde.

Edith Philipp-Rasch, Leiterin des Ingolstädter Reuchlin Gymnasiums, berichtete von einer Stimmung der Verunsicherung unter ihren Schülerinnen und Schülern angesichts der Corona-Pandemie: „Das Bedürfnis nach Sicherheit spiegelt sich etwa in den derzeit geäußerten Berufswünschen wider – bei denen derzeit eine Arbeit als Lehrkraft vermehrt genannt werde.“ Noch nie sei die in der Schule angebotene Berufsberatung so sehr in Anspruch genommen wie aktuell. „Existentielle Sicherheit und ein gutes Arbeitsklima sind wichtig“, bestätigte auch Johannes Berle, Schüler am Katharinen-Gymnasium, der später als Jurist tätig sein möchte und für den auch der Staat ein attraktiver Arbeitgeber ist.

Donal Doyle, verantwortlich für die IT bei der Firma Hipp, betonte, dass das Bedürfnis nach Sicherheit zwar unverändert bleibe, diese jedoch auf künftig auf andere Weise entstehen müsse: „Es darf nicht als Versagen gelten, wenn man im Lauf des Berufslebens völlig andere Tätigkeiten übernimmt.“

Der Ingolstädter Bundestagsabgeordnete Dr. Reinhard Brandl blickte mit Sorge vor allem auf diejenigen Personen, die „den digitalen Wandel nicht so eingehend mitvollziehen können – etwa Facharbeiter, die ebenfalls künftig Beschäftigungschancen brauchen“. Er zeigte sich jedoch davon überzeugt, dass gerade handwerkliche Fähigkeiten zukunftsfähig seien, wenn man sich laufend neue Kompetenzen aneigne – ein Elektriker etwa werde zunehmend zu einem Programmierer.

Für KU-Präsidentin Prof. Dr. Gabriele Gien entsteht Sicherheit, indem man Menschen Zuversicht und Selbstvertrauen in die eigenen Kompetenzen vermittelt. „Früher war vor allem ein stabiles Fachwissen gefragt, heute vermehrt die Fähigkeit, Wissen auf sich verändernde Situationen und menschliche Rahmenbedingungen anzupassen. Doch gerade deshalb braucht es als Ergänzung zu dieser rasanten Entwicklung ein stabiles Wertesystem als Orientierung“, so Gien. Starre Lehrpläne für Schulen wiederum seien zu träge, um auf neue Entwicklungen schnell reagieren zu können. Dies gelte auch für die Ausbildung künftiger Lehrkräfte. In Anlehnung an die geplante Reform des Hochschulrechtes, plädierte Gien auch für mehr Gestaltungsfreiheit im Schulbereich, um flexibel reagieren zu können. Schule richte sich derzeit an einem normativen Schüler als Standard aus, stattdessen gelte es, die Schülerinnen und Schüler individuell weiterzuentwickeln, damit sie ihren idealen Platz im Leben finden.

Daran anknüpfend wünschte sich auch Schulleiterin Edith Philipp-Rasch „mehr Spielräume innerhalb eines vorgegebenen Rahmens“. Sie könne sich zum Beispiel Projektarbeit über Klassen- und Jahrgangsgrenzen hinweg vorstellen, um eigenverantwortliches Handeln sowie Zeit- und Projektmanagement zu erproben. „Neben Spaß und Geld muss dabei aber auch die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns im Mittelpunkt stehen“, betonte sie.

Das Ende der Veranstaltung soll zugleich Auftakt für einen weiteren Dialog zur Zukunft von Bildung und Arbeitsmarkt sein. Eine Nachlese der Podiumsdiskussion, einzelne Statements sowie Fragen des Publikums werden in Kürze auf einer Homepage veröffentlicht. Diese soll Anregung für weiteren Austausch und Vernetzung in der Region bieten. – Constantin Schulte Strathaus, KU Eichstätt-Ingolstadt

Bildinformation „Zukunft 1“ und „Zukunft 2“: Die Diskussionsrunde „Erlebe Zukunft jetzt“ wurde live aus der WFI ins Netz übertragen und bot online Gelegenheit,
Fragen ans Podium zu stellen. (Fotos: Münch/upd)

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