Mo. Dez 5th, 2022

Taktik im Amateurfußball – oft ein schwieriges Thema. So ambitioniert die Absichten eines Trainers sind, oft scheitern Pläne eine einheitliche Strategie auf dem Spielfeld umzusetzen. Dabei hat der Amateurfußball mit spezifischen Herausforderungen zu kämpfen, die im Profisport nicht vorhanden sind. Eine Taktikkultur wie sie in den USA bei den meisten amerikanischen Sportarten gibt, inklusive umfassendem Gegner-Scouting, detaillierten Taktikunterlagen und regelmäßigen Analysen, ist in den deutschen Regionalligen oft einfach nicht gang und gebe. Dennoch gibt es inzwischen eine Reihe praktischer technischer Tools, um die taktische Planung auch im Amateurbereich zu verbessern.

Bei Basketball, Baseball und American Football liegt auch in den U.S. Jugend- und Amateurligen in der Regel starker Fokus auf Entwickeln und Vermitteln einer ausgefeilten Taktik. Die Gegner werden im Vorfeld genau analysiert, ebenso wie eigene vergangene Spiele, die Player erhalten zudem für jedes Spiel in der Regel umfassende Unterlagen zur geplanten Taktik, gemeinhin „Playbook“ genannt.

Auf den Fußballfeldern der deutschen Amateurligen sieht es hingegen oft chaotisch aus. Auch wenn die Spieler gute Fähigkeiten besitzen, steht und fällt ein Spiel mit der Umsetzung einer Taktik. Gerade wenn der Gegner unerwartet reagiert, hilft es sämtliche Szenarien im Vorfeld durchgesprochen und alle Spieloptionen diskutiert zu haben, damit die Aufstellung nicht auseinanderfällt.

Liegt der Fehler allein bei den deutschen Amateurtrainern? Absolut nicht, denn wenngleich viele Willens sind, fehlen oft die technischen Mittel, um die taktische Planung einfach und transparent zu machen und diese gleichzeitig klar mir den Spielern zu kommunizieren. Zudem bedarf es auch Engagement und Bereitschaft der Spieler selbst die Taktik zu verstehen, zu verinnerlichen und natürlich im Spiel umzusetzen.

Oftmals fehlt es dabei vor allem an einem: Zeit. Anders als Profifußballer haben Amateurspieler in der Regel andere berufliche Verpflichtungen, weshalb sie nicht immer regelmäßig zum Training erscheinen. Trainiert wird oft abends, wo die körperliche Leistungsfähigkeit nach einem langen Arbeitstag nicht optimal ist. Es ist erwiesen, dass ein Amateurspieler aufgrund anderer körperlicher Leistungen und psychologischem Stress nicht die gleichen Leistungen in den Fußball einbringen kann als ein Profispieler, der damit seinen Lebensunterhalt verdient und alle anderen Tätigkeiten dem Sport unterordnet.

Ein weiterer Unterschied ist die individuellen Fähigkeiten der Spieler, die im Profisport relativ ausgewogen sind. Bei Amateuren unterscheiden sich Faktoren wie Ausdauer, Erfahrung, spielerisches Geschick wie auch Motivation und Ambition erheblich, weshalb es für Trainer schwer sein kann eine stimmige Taktik ins Leben zu rufen.

Ein weiterer Punkt, der oftmals Verbesserung bedarf, sind die bestehenden technischen Mittel. Wenn im Amateurfußball werden Taktik-Meetings im Vereinsraum oder gar der Umkleide abgehalten werden, wobei der Trainer zeichnet mit Markern auf einem White Board Aufstellungen skizziert, kommt oft Verwirrung auf. Ein verwirrtes Team ist nicht effektiv – oder schaltet eben einfach ab, wenn die Kommunikation nicht klar verständlich ist. Gleiches gilt für die Analyse der Gegner oder vergangener Spieler: laufen die Spiele nur auf dem Fernseher ab, wobei der Trainer allenfalls das Bild anhält und auf die Geschehnisse auf dem Feld zeigt, ist das ebenso wenig eingängig wie spannend. Glücklicherweise gibt es mittlerweile zahlreiche Apps und Software-Programme wie planet.training oder Taczone,  ein Taktikprogramm  entwickelt an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch-Gmünd, das mit ausgefeilten Funktionen in der Lage ist, Taktik animiert darzustellen, wie auch vergangene und Gegnerspiele abzubilden. Dabei können Trainer einfach Trainingspläne erstellen, Übungen suchen und zusammenstellen, die Aufstellung für ein Spiel planen, eine Taktik aufbauen sowie Gegnerdaten einlesen. Aufgezeichnete Spiele können in das Programm integriert und mit grafischen Finessen analysiert werden. Zudem können alle wissenswerten Fakten und Strategien über einen Präsentationsmodus einfach mit den Spielern geteilt werden.

Von Udo Latteck stammt das Zitat „Sie spielen taktisch gut, obwohl sie ohne Taktik spielen“, doch ob es ein Team so wirklich weit bringt, ist fraglich. Dies ist ähnlich wie beim Glückspiel im Casino: wer wild nach Lust und Laune oder aus reinem Bauchgefühl wettet, hat in der Regel langfristig weniger Gewinnchancen als Spieler, die beispielsweise eine ausgefeilte Roulette Strategie  oder Strategie im Poker entwickeln und diese konsequent umsetzen, denn jedes Spiel folgt bestimmten Mustern und Wahrscheinlichkeiten.

Dabei ist jedoch gerade im Amateurfußball den Trainern mehr abverlangt als im Profisport, wo alle Spieler engagiert sind und umfassenden Wissensschatz mitbringen. Neben einem deutlichen Gefälle im Hinblick auf spielerische Fähigkeiten fehlt es dem Team oftmals auch ganz einfach an bestimmten Grundkenntnissen und dem entsprechenden Vokabular. Wer nicht wirklich versteht was eine falsche oder echte Neun ist, und wo die technischen Unterschiede einer Dreier-, Vierer- und Fünferkette liegen, kann die Taktiken des Trainers kaum in die Tat umsetzen. Diese benötigen deshalb nicht nur eine Menge Geduld, sondern auch pädagogisches Geschick, um ihr Team zum Lernen zu animieren, statt sie einfach auf dem Rasen kicken zu lassen – oftmals das vorwiegende Interesse von Amateuren, die mit dem Sport einfach nur Spaß haben und abschalten wollen. Unterschiedlicher Kenntnisstand muss ausgeglichen werden, so dass sich unerfahrene Spieler nicht ausgeschlossen fühlen, während bei erfahrenen keine Langeweile aufkommt. Viele Amateure meinen oft Taktik aus Spielen wie FIFA zu kennen, doch in der Realität sieht es eben oft anders aus – die verschiedensten Szenarien der gegnerischen Mannschaft im Vorfeld eines Spiels durchzugehen oder ein beendetes Spiel Minute für Minute zu analysieren ist weitaus weniger unterhaltend als eine Runde FIFA auf der Playstation, bringt aber für die Taktik eines Teams weitaus mehr.

Doch wie erstellt man als Trainer eine Taktik für nächste Spiel? Der erste Schritt ist immer das Gegnerscouting  – basierend auf Punkten wie die Schwachstellen eines Gegners, die Reaktion der Mannschaft auf Gegenpressing nach Ballverlust und derem gewöhnlichen Umstellen, wenn sie sich im Rückstand befinden.

Das Etablieren einer Taktik ist eines, sie muss sich auch als Anweisungen auf dem Spielfeld umsetzen lassen. Oftmals werden dazu Codewörter etabliert, so dass der Trainer Taktikwechsel während des Spiels vom Spielfeldrand kommunizieren kann, ohne dass der Gegner darauf gefasst ist. Daneben werden verschiedene Varianten, beispielsweise von Freistößen und Eckbällen zunächst theoretisch, dann auf dem Spielfeld durchgespielt, wobei bei Amateurmannschaften oft das Problem entsteht, dass man diese eben ohne Gegner üben muss. In der Regel hat ein Hobby-Team einfach nicht 11 Spieler auf der Bank sitzen, die kurzzeitig als Gegner fungieren können.

Vor dem Spiel muss jedem Spieler der Taktikplan zugesendet werden, und gerade hier ist eine gewisse Infrastruktur wichtig, mit der dieser leicht per E-Mail zugeteilt werden kann. Welcher Trainer will schon per Hand aufgezeichnete Skizzen scannen und individuell e-mailen? Moderne Software erlaubt dies vom System aus, wobei Grafiken einfach erstellt und für jedes Spiel individuell angepasst werden können, was Zeit und Nerven spart.

Vor Training oder Spiel sollte jeweils ein „Walkthrough“ erfolgen, der in der Regel 30-40 Minuten dauert und am besten direkt auf dem Spielfeld stattfinden sollte. Täuschungsmanöver, um den Gegner in die falsche Richtung zu locken und Freiräume zu schaffen sollten Teil einer jeden Spieltaktik sein und dementsprechend auch geübt werden.

Generell unterscheidet man beim Erstellen einer Spieltaktik die Einzel- oder Individual-Taktik sowie die Mannschaftstaktik Zur Einzeltaktik im Angriff gehören Dribbling, Passen, Anbieten und Freilaufen sowie Ballkontrolle, Torschuss, Kopfballspiel und Flanken, in der Abwehr Aktionen wie die Abwehr gegen Dribbler, das Stören der Ballannahme oder Abpassen eines Anspiels, Kopfballabwehr sowie der sichere Aufbau. Zu den Mannschaftsbereichen gehören der Abwehrverbund, das Mittelfeld, linke und rechte Seite sowie die Angreifer. Eine Mannschaftstaktik ist immer „ballorientiert“ und zielt darauf den Ballbesitz der Gegner zu erzwingen.

Liegt im Profi-Fußball die Anforderung meist darin Spieler aus verschiedenen Vereinen zu einer effektiven Einheit zu formen, liegt die Schwierigkeit im Amateur-Fußball meist darin den Spielern und oftmals sogar den Trainern die Wichtigkeit einer ausgefeilten Taktik nahezubringen. – Emilia

 

Bilder 1+2 Quelle: unsplash.com

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