So. Feb 5th, 2023

Eichstätt (upd) – Die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) trauert um Papst emeritus Benedikt XVI., der am Morgen des Silvestertags im Alter von 95 Jahren verstorben ist. Sowohl während seines Pontifikats von 2005 bis 2013 als auch während seiner vorangegangenen Stationen als Erzbischof von München und Freising (ab 1977) sowie als Präfekt der Glaubenskongregation (ab 1981) war Joseph Ratzinger der KU eng verbunden – und er blieb es auch nach seinem Rücktritt als Papst.

Als damaliger Vorsitzender der Freisinger Bischofskonferenz hatte Ratzinger im April 1980 die Kirchliche Gesamthochschule Eichstätt zur Katholischen Universität erhoben. Diesen für die Hochschule bedeutsamen Schritt hatte Ratzinger selbst zuvor dem Heiligen Stuhl vorgeschlagen – als Fortschreibung und signifikante Ausweitung einer jahrhundertealten akademischen Tradition in Eichstätt. In der Aula der KU sagte Joseph Ratzinger beim Festakt am 26. Juni 1980: „Mein Wunsch für die Katholische Universität Eichstätt ist es, dass sie diese geistigen Ursprünge unserer Kultur in der Bildungslandschaft der Gegenwart kraftvoll zur Wirkung bringt und damit weit über den Kreis der an ihr wirkenden Lehrer und Studenten hinaus fruchtbar für das Ganze wirke, das solcher Kräfte in krisenhafter Situation dringend bedarf.“ KU-Präsidentin Prof. Dr. Gabriele Gien würdigt die bedeutsame Rolle des späteren Papstes für die Entstehung und Entwicklung der KU: „Benedikt XVI. ist ein wichtiger Wegbereiter der bis heute einzigen katholischen Universität im deutschsprachigen Raum. Er war Förderer, Fürsprecher und Wegbegleiter der KU“, so Gien. „Für sein großes Engagement in der Gründungsphase, aber auch für seine Verbundenheit mit der KU bis ins hohe Alter dürfen wir dankbar sein.“

Als Erzbischof und als Präfekt der Glaubenskongregation ließ sich Joseph Ratzinger immer wieder zu Gastvorlesungen in Eichstätt gewinnen. Am 26. November 1987 wurde er im Rahmen des „Dies Academicus“ von der Theologischen Fakultät zum Ehrendoktor ernannt. Die Ehrung erhielt er in Dankbarkeit für sein Wohlwollen und seine Förderung der Universität, aber auch in Anerkennung seiner internationalen Bedeutung als theologischer Wissenschaftler, Hochschullehrer und bereits zu diesem Zeitpunkt als Verfasser zahlreicher Standardwerke der Theologie. Zu den Festgästen in der vollbesetzten Aula zählten unter anderem der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, sowie der damalige bayerische Wissenschaftsminister Wolfgang Wild. Ratzingers Festvortrag beschäftigte sich damals mit dem Thema „Die Kirche als Anwalt des Menschen“ und ging unter anderem auf Themen wie AIDS, Drogen und Terrorismus ein. Es ist durchaus signifikant, dass die Verleihung der Ehrendoktorwürde am selben Tag vorgenommen wurde wie die Einweihung des Neubaus der Universitätsbibliothek, war Joseph Ratzinger doch auch als großer Leser und Bücherfreund bekannt.

„Mit Benedikt XVI. verlieren wir einen den bedeutendsten Theologen der Gegenwart, der Theologie und Kirche von der Nachkriegszeit bis in die jüngste Vergangenheit entscheidend geprägt hat“, würdigt Prof. Dr. Bernward Schmidt, Dekan der Theologischen Fakultät, das wissenschaftliche Vermächtnis Benedikts. Als junger Theologe sei er an der „Überwindung einer starren neuscholastischen bzw. neuthomistischen Theologie beteiligt“ gewesen, indem er sich insbesondere auf Augustinus und Bonaventura bezog und aus deren Schriften inhaltlich und methodisch neue Einsichten gewann. Als Professor in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg habe er in den Jahren 1958 bis 1977 etliche Studierendengenerationen geprägt. „Seine ‚Einführung in das Christentum‘, die aus einer Vorlesung für Hörer aller Fakultäten hervorging, zählt bis heute zu den Büchern, die Studierenden der katholischen Theologie selbstverständlich zur Lek­türe empfohlen werden.“ Als Berater des Kölner Erzbischofs Frings und später als Berater des Konzils habe Joseph Ratzinger zu wesentlichen Weichenstellungen des Zweiten Vatikanums beigetragen, so Schmidt. Sein Wirken als Erzbi­schof von München und Freising, als Präfekt der Kongregation für die Glau­benslehre und als Papst seien oft gewürdigt worden. „Freilich fiel durch die Aufarbeitung der Fälle sexuellen und geistlichen Missbrauchs in den vergan­genen Jahren auch ein Schatten auf sein Wirken.“

In Ratzingers theologischem Werk fänden sich nicht nur eine große Spannbreite an Themen, sondern auch manche Spannungen und Ambiguitäten. „Seine Positionen als Theologe, Kirchenpolitiker, Kongregationspräfekt und Papst waren nicht immer unumstritten, scheinen sie doch auch in sehr unterschiedliche Richtungen zu zielen. Doch ist es vielleicht ein Charakteristikum großer Theologen, dass ihr Denken Anknüpfungspunkte für engagierte Diskussionen bietet und zum Ausgangspunkt für weitere spannende Überlegungen werden kann. Vieles in seinem Denken und Wirken wird sich erst in der Rückschau von mehreren Jahren oder Jahrzehnten einordnen und bewerten lassen“, so Professor Schmidt. – Constantin Schulte Strathaus, KU Eichstätt-Ingolstadt

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